Gewerkschaften — ich versteh’s nicht

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Gerade konnte ich in den Nachrichten wieder über einen Streik einer Gewerkschaft hören — diesmal war es die Stahlindustrie. Die Stahlarbeiter streiken dort, um ihre Arbeitsplätze zu erhalten, die durch billigere Arbeitskräfte in Asien gefährdet sind. Und wieder einmal muss ich den Kopf schütteln und sagen: „Ich versteh’s nicht!“. Wissen diese Menschen überhaupt, was sie da tun?

Pferdezüchter und Holzfäller

Was mir dabei nicht in den Kopf will: Haben sich die streikenden Stahlarbeiter einmal überlegt, wo ihre Arbeitsplätze heute wären, wenn vor 150 Jahren der Ton & Lehm Verband und die Holzfäller durch Streiks verhindert hätten, dass man Stahl zum Bauen von Häusern nutzt? Wenn damals die Pferdezüchter und Kutschenbauer die Nutzung von Stahl und die Erfindung des Automobils durch Proteste verhindert hätten, um ihre eigenen Arbeitsplätze zu erhalten? Dann gäbe es die Stahlindustrie heute so gar nicht und noch weniger die Arbeitsplätze der Stahlarbeiter. Können sie sich ausmalen, was sie ihren Kindern antun, wenn sie heute deren Arbeitsplätze der Zukunft verhindern?

Programmierer

Zugegeben, ich komme nicht aus der Stahlbranche — meine berufliche Karriere startete in der IT-Branche, als Programmierer. Aber auch in dieser Branche gibt es vergleichbare Kräfte wie in der Stahlindustrie: Billigere Programmierer aus Osteuropa und Indien drücken die Preise und „vernichten“ Programmier-Jobs in Europa. Gehe ich deshalb auf die Straße, um gegen den Verlust meines Arbeitsplatzes zu demonstrieren? Nein! Ich suche mir neue Betätigungsfelder. Im besten Fall sind diese neuen Betätigungsfelder höherwertiger (d.h. sie bringen meinen Kunden oder meinem Arbeitgeber mehr Wert) und bauen auf den nun günstigeren Programmierern auf. So besteht meine Arbeit heute meist entweder aus dem Coaching von Softwareentwicklungs-Teams oder aus der Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle und neuer Unternehmen. Und ich bin froh, dass ich durch das „Verschwinden“ meines Jobs als Programmierer dazu gezwungen war, durch neue Tätigkeiten mehr Wert für meine Kunden zu generieren. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wo ich heut stünde, wäre ich damals mit Protestplakaten und der Programmierer-Gewerkschaft auf die Straße gegangen…

Ich weiß, Weiterentwicklung ist selten der bequemste Weg — aber man eröffnet sich Welten, die man zuvor nicht für möglich gehalten hätte. Wenn der Mensch von Natur aus bequem wäre, würden wir heute noch auf Bäumen in der Savanne sitzen.

Gewerkschaftsbosse

Ich glaube allerdings, dass die weitaus meisten Menschen in der Stahl- und anderen Industrien sehr wohl die geschilderten Zusammenhänge sehen und sich weiterentwickeln möchten. Immer weniger sind überhaupt in einer Gewerkschaft organisiert, weil sie die Absurdität des Gewerkschaftshandelns erkennen. Gewerkschaften waren in der Vergangenheit sehr wichtige Institutionen, die eklatante Fehlentwicklungen der Industrialisierung ausgeglichen haben. Doch heute handeln Gewerkschaften nur noch selten im Sinne ihrer weniger werdenden Mitglieder; vielmehr geht es ihnen ganz egoistisch um das Überleben ihrer eigenen Institution. In manchen Branchen gibt es gar eine Art „Krieg der Gewerkschaften“ um Machtanteile und Mitgliederzahlen (aus jüngster Zeit ist das etwa aus dem Machtkampf der Bahngewerkschaften GDL und EVG bekannt). Gewerkschaften kämpfen ums Überleben und sie tragen diesen Kampf auf dem Rücken der Menschen aus. Ich wünsche keinem, dass er sich für den Überlebenskampf der Gewerkschaftsbosse einspannen und verheizen lässt.

Fazit

Wer seinen Job wirklich gefährdet sieht, der sollte dies als Chance sehen — als freundschaftlich gemeinten Tritt in den Hintern — und sich neue Betätigungsfelder suchen. Diese Suche ist umso angenehmer, je früher man sie beginnt. Die Zeit dafür ist da, wenn man nur will: Weiterbildung statt Plakate malen, Ideen generieren statt auf die Straße gehen. Lieber die Zeit für sich selbst nutzen als sie dem Machterhalt eines Gewerkschaftsbosses zu widmen. Ja, es ist nicht immer bequem, aber unheimlich erfüllend.

Auch wenn ich hier eine sehr strikte Haltung vertrete, bin ich offen für Argumente! Sehe ich etwas komplett falsch? Ich freue mich auf Diskussionen in den Kommentaren! Wenn Du diesen Artikel gut fandest, gib ihm doch ein ♥︎ und teile ihn.

Written by

Agile Coach, Business Innovator, Software Engineer, Musician

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